DDR-Cabrio – Wartburg 311

Wer sich an die untergegangene DDR zurückerinnert, hat sicher vieles an Gegebenheiten und Klischees vor Augen. Eine dicke Dunstwolke über Städten wie Bitterfeld, graue Fassaden, in denen noch in den 1980ern die Spuren des längst vergangenen Krieges zu sehen waren, Planwirtschaft, ständiger Mangel an dem Notwendigsten. Aber eine Autoindustrie, die mit großen Würfen glänzen konnte? Angesichts des allgegenwärtigen Trabants? Wohl eher nicht. Dennoch lohnt es sich, einmal einen Blick über die nicht mehr existierende Mauer zu werfen und ein vergessenes Schmuckstück aus der Versenkung zu holen.

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DDR-Cabrio Foto: © Marco Barnebeck(Telemarco)/pixelio.de

 

Wer die Automobilindustrie der DDR auf den Trabant herunterbricht, unterschätzt diese gewaltig. Vor allem kurz nach ner Gründung der Republik konnte das Land durchaus mit Schmuckstücken aufwarten. Wie dem Wartburg 311, der auch als Cabrioversion auf den Markt kam. 1956, auf der Leipziger Frühjahrsmesse, feierte der 311er Premiere. Optisch zeigte sich der neue Wartburg auf der Höhe der Zeit. Die klassischen Rundungen und die runden Scheinwerfer machten ihn zu einem typischen Vertreter seiner Zeit. Allerdings hielt leider die Technik nicht, was die Optik versprach. Der Kastenprofilrahmen war eine Entwicklung, die bereits vor dem Krieg gemacht wurde, auch die Querfedern und die Ganzstahlkarosserie waren alles andere als auf der Höhe der Zeit

Auch unter der Motorhaube sah es eher trüb aus. Der Zweitürer wurde von einem 900-ccm-Dreitakter mit 37 PS angetrieben, der die charakteristische Abgasfahne hinter sich herzog. Dies sollte sich jedoch ein Jahr darauf ändern, als die Techniker einen 45-PS-Boxermotor entwickelten. Doch damit war die DDR-Führung nicht einverstanden, der Motor ging nie in Serie. Zudem wäre fast das gesamte Serienmodell an der Ablehnungshaltung der Regierung gescheitert. Denn das Fahrzeug wurde schwarz konstruiert. Dass sich die Ingenieure in der DDR – ein Staat mit einer strengen Planwirtschaft wohlgemerkt – auf dieses Wagnis einließen, erklärt sich aus dem Selbstverständnis der Eisenacher. Vor dem Krieg wurden in diesem Werk hochwertige BMW-Fahrzeuge hergestellt. Daran wollten die Konstrukteure anknüpfen.

Die Strafe folgte auf dem Fuße. 5.000 Mark Geldstrafe wurden dem Betriebsdirektor des Eisenacher Werkes auferlegt. Doch dann konnte sich die DDR-Spitze dem Charme des 311er nicht entziehen und gab die Anweisung, die Serie zu starten. Ein Segen, denn nicht nur in der DDR erfreute sich der knapp mit einem Kaufpreis von fast 15.000 Mark sehr teure Wartburg großer Beliebtheit. Heutzutage kostet ein gut erhaltenes Cabriolet des 311er bis zu 30.000 Euro.

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